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Der „Zauberbrunnen“

Bienen liegen uns am Herzen

Das ist die häufigste Reaktion, die ich ernte, wenn ich mich als Imker vorstelle: Die Augen meines Gegenübers beginnen zu strahlen ... und fast immer kommt dann so etwas wie: „Mein Großvater war auch Imker ... ich weiß noch wie wir als Kinder immer den frischen Honig geleckt haben ...“ und über die Vorstellung des süßen, köstlichen Geschmacks tauchen alte Erinnerungen und Emotionen auf, und wildfremde Leute erzählen mir von Ihren glücklichen Honig- und Bienen-Erlebnissen aus längst vergangenen Kindertagen.

Fast hat es den Anschein als könnte man mit diesem Thema bei den Menschen eine Art Glück-Taste betätigen. Vielleicht liegt es ja daran, dass alles rund um die Honigbienen, vom Honig über das Propolis bis hin zum Bienenwachs, mit köstlichem Geschmack und Geruch verbunden ist, und wie die moderne Wissenschaft heute weiß, gibt es eine direkte Standleitung von der Nase zu Emotionen und Erinnerungen. Denn unser Geruchssinn, unser entwicklungsgeschichtlich ältester Sinn, ist direkt verbunden mit den Gehirnarealen des limbischen Systems, zuständig für Gefühle und Stimmungen, sowie mit dem Hippocampus, verantwortlich für Erinnerung und Gedächtnis. Für unsere persönliche Sympathie zu den Bienen mag das eine wichtige Rolle spielen, doch da ist noch viel mehr, das uns Menschen mit den Bienen verbindet.

Bienen liegen uns am Herzen und das stille Sterben der Bienen, das derzeit weltweit zu beobachten ist, lässt kaum jemanden kalt, es geht unter die Haut, mobilisiert und hat in Österreich auch schon Minister zu Fall gebracht. Kaum ein anderes Tier, geschweige denn ein Insekt, genießt in allen Kulturen und zu allen Zeiten seit Menschengedenken, ein derartig positives Image wie die Biene. Sie ist seit Urzeiten mythischer Begleiter des Menschen. Ihr Leben und Wirken ist mit uns Menschen auf das Engste verwoben. Ohne Bienen geht es nicht: Sie produzieren Honig in unendlich köstlichen Varianten, sie werden über Produkte wie Propolis, Gelée Royale, Blütenpollen, Bienenwachs und Bienengift seit Beginn der Menschheit erfolgreich zur Prävention und Heilung von Krankheiten eingesetzt, und vor allem sorgen sie auch für die Bestäubung von Ostbäumen und von vielen anderen landwirtschaftlichen Kulturen. 80% der auf Insektenflug angewiesenen Nutzpflanzen werden durch die Honigbienen bestäubt. Der volkswirtschaftliche Nutzen, der heute dadurch entsteht, macht das Zehnfache des Honigertrags aus.

Eine fast magisch wirkende Faszination geht aus von diesem kleinen Insekt. Der Fleiß der Honigbiene ist sprichwörtlich, ihre biologische Leistungsfähigkeit atemberaubend und ihre kommunikativen und sozialen Fähigkeiten sind bis heute Anlass unablässigen Staunens. Karl von Frisch, der österreichische Altmeister der Honigbienenforschung, der 1973 den Nobelpreis für seine Entdeckung der Tanzsprache der Bienen erhielt, hat es so formuliert: „Der Bienenstaat gleicht einem Zauberbrunnen; je mehr man daraus schöpft, desto reicher fließt er". Wer in diesen Zauberbrunnen eintaucht ist unvergleichlich fasziniert von den Bienen und möchte immer mehr über sie wissen.

Im Folgenden will ich Ihnen ein paar frische Schlucke Faszination aus diesem Zauberbrunnen kredenzen.

Schwarmintelligente Entscheidungen

Jedes Jahr stehen Bienen vor der überlebenswichtigen Aufgabe, ein neues Zuhause zu finden und als ganzes Volk dorthin zu kommen. Die Entscheidungen die hierfür notwendig sind treffen sie kollektiv und demokratisch! Ein Bienenschwarm hat soeben – ohne zu wissen, wohin die Reise gehen soll – den Bienenstock, seine alt vertraute Behausung verlassen und hängt nun als kompakte Traube von ca. 15.000 Bienen auf einem Ast an einem in der Nähe stehenden Baum. Die Bienen haben nun ein gemeinsames Ziel, den besten Nistplatz zu finden, und nur wenig Zeit diese Aufgabe zu lösen, denn der Vorrat an Honig, den sie mitführen – jede Biene trägt ein kleines Tröpfchen in ihrer Honigblase – reicht längstens für drei Tage. Nun müssen unter Zeitdruck alle geeigneten Hohlräumen in einem Umkreis von etwa 10 Kilometern gefunden und bewertet werden, und dann muss entschieden werden.

Die ältesten Bienen mit der meisten Erfahrung bilden nun eine Findungskommission bestehend aus ein paar hundert Bienen, von denen die ersten ausfliegen und potentielle Nistplätze suchen. Die zurückkommenden Kundschafterinnen teilen ihre Entdeckungen den anderen mit, wobei sie über den Tanz, den sie auf der Oberfläche der Schwarmtraube aufführen, die genaue Richtung, die Entfernung und ihre subjektive Einschätzung der Qualität der Höhlen, die sie gefunden haben, mitteilen. Die anderen Kolleginnen aus der Findungskommission schauen sich die Tanzdarbietungen genau an und fliegen nun ihrerseits zu den angezeigten Höhlen um sich von deren Qualität zu überzeugen. Führt die Begutachtung zu einem positiven Ergebnis, werben auch die "Prüferinnen", wenn sie wieder zurück auf der Schwarmtraube im Apfelbaum gelandet sind, für das mögliche neue Domizil: Je besser es ist, desto lebhafter und länger fällt der Tanz der Kundschafterinnen aus, wodurch mehr neue Anhänger unter den Kundschafterinnen gewonnen werden. Mit weniger Leidenschaft vorgetragene Nistplatz-Vorschläge verlieren hingegen an Anhängerschaft. Die auf diese Art offen ausgetragene heftige Debatte kann tagelang dauern, an ihrem Ende steht aber immer ein Konsens: erst wenn sich alle Kundschafterinnen einig sind und für die gemeinsame Lösung tanzen, erhebt sich der ganze Bienenschwarm in die Luft und fliegt zur neuen Behausung. Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass auf diese Weise von den Bienen immer die bestmögliche Variante, die im Suchgebiet vorhanden ist, gefunden und ausgewählt wird!

Eine Arbeitskarriere mit vielen Stationen

Rund 60.000 Bienen leben im Frühsommer in einem Bienenvolk. Der Stock will scheinbar aus allen Nähten platzen und die Waben sind über und über mit Bienen bedeckt, sodass kaum ein Fleckchen Wabenmuster aus Bienenwachs sichtbar ist. Der Unkundige mag beim Blick ins Innere des Bienenstocks nur ein wirres Durcheinander von tausenden von Bienen sehen. Tatsächlich hat jede Biene ihre Aufgabe und leistet ihren fein abgestimmten Beitrag zum Funktionieren des Gesamtorganismus Bienenvolk.

Nur etwa 5 Wochen lebt eine Biene im Sommer, und die ersten 2-3 Wochen davon verlässt sie den Stock nicht. Frisch geschlüpft macht sie sich sofort an die Arbeit als Putzbiene. Sie säubert die Brutzellen um diese für die neue Brut vorzubereiten, denn eine Königin legt ihre Eier nur in absolut saubere Waben. Nach drei Tagen hat sie genug vom Putzen und wird zur Ammenbiene. Zunächst kümmert sie sich um die älteren Larven, die sie mit einem Brei aus Honig und Blütenpollen füttert, weitere drei Tage später sind Ihre Futtersaftdrüsen entwickelt und sie produziert eine ganz spezielle Substanz, das Gelée royale, das nur an die jüngsten Larven verfüttert wird und an die Königin. Diese bekommt dieses „Wundermittel“ ein Leben lang, was zur Folge hat, dass sie nicht nur fünf Wochen lang sondern bis zu fünf Jahre lebt. Wenn dann so um den 11. Tag die Wachsdrüsen der Arbeitsbiene aktiv werden, werkt sie als Baubiene. Sie kann nun winzige Wachsplättchen produzieren, die sie gemeinsam mit anderen Kolleginnen in einem Bautrupp zu neuen Waben verbaut. Bienen im Alter von 12 bis 20 Tagen sind hauptsächlich damit beschäftigt, den heimkehrenden Sammelbienen den Nektar abzunehmen und im Volk zu verteilen bzw. einzulagern. Sie sind die eigentlichen Honigmacherinnen, denn erst durch das vielfache Umtragen des Nektars werden diesem so viel Wasser entzogen und von den Bienen wertvolle Inhaltsstoffe zugesetzt, sodass aus dem dünnflüssigen Nektar dickflüssiger, goldener Honig entsteht.  Ist die Stockbiene etwa drei Wochen alt, ist ihre Giftblase voll entwickelt und sie dient als Wächterin am Flugloch: ankommende Sammelbienen werden auf den Geruch des eigenen Volkes kontrolliert und Bienen mit räuberischen Absichten oder auch andere Eindringlinge werden abgewehrt, notfalls unter Zuhilfenahme des Giftstachels. Den letzten Lebensabschnitt verbringt eine Biene überwiegend als Flugbiene. Als Sammelbiene trägt sie alles ein, was das Volk zum Leben und zur Entwicklung braucht: Nektar, Honigtau, Pollen, Wasser und Baumharze. Am Ende eines kurzen, arbeitsreichen Lebens sterben die meisten Flugbienen unterwegs und nicht im Stock selbst.

Süße Küsse für heiße Bienen

Neben den oben beschriebenen Arbeiten gibt es für manche Bienen auch noch Spezialaufgaben, die zum Teil erst durch jüngste wissenschaftlich Forschungen bekannt geworden sind: Im Herzen des Bienenstocks, dort wo die Königin das Brutnest anlegt hat es genau 35 Grad Celsius. Das ist die optimale Temperatur für die Entwicklung der Larven, und diese Temperatur wird, unabhängig von der Außentemperatur, von den Bienen immer exakt aufrecht erhalten. Erst seit kurzem weiß man, wie sie das machen. Eigens dafür abgestellte Bienen fungieren als „Heizerbinen“. Sie erzeugen mithilfe der starken Brustmuskeln Wärme, indem sie bei ausgeklinkten Flügeln die Flugmuskulatur auf Hochtouren laufen lassen. So kann eine Biene ihre Brust auf 43 °C aufheizen. Diese Wärme überträgt sie nun auf die Brutwaben, wobei sie mit ihren Temperatursensoren an den Fühlern die Wabentemperatur laufend kontrolliert und darauf achtet, dass es zu keinem Überhitzen oder zu einer Abkühlung kommt. Das Heizen verlangt den Bienen enorm viel Energie ab, sodass eine Heizerin nach etwa einer halben Stunde völlig erschöpft ist und sich kaum noch rühren kann. Die Energie für die hohe Heizleistung beziehen die Bienen aus dem Honig. Eine „ausgebrannte“ Biene schafft aber nicht mehr den Weg vom Brutnest zu den Honigvorräten. Nun kommt eine andere Art von Spezialistinnen ins Spiel: So genannte „Tankstellenbienen“ sind auf den Waben unterwegs und suchen gezielt nach „heißen Bienen“ und geben diesen „süße Küsse“ indem sie direkt Honig von Mund zu Mund bzw. Bienenrüssel zu Bienenrüssel übertragen. Die derart wieder mit energiereichem Treibstoff aufgetankten Heizerinnen können darauf ihre Arbeit erneut aufnehmen.

Geniale Konstruktion aus genialem Werkstoff

Die Waben und das Wachs aus dem sie gebaut sind, werden komplett von den Bienen selbst produziert. Das gesamte Wabenwerk stellt gleichsam das Skelett des Bienenvolkes dar, das gleich mehrere Funktionen erfüllt. Es ist Schutzraum, Produktionsstätte und Speicherplatz für Honig, Speicherplatz für Pollen, Nachwuchsbrutstätte, Festnetz für die Informationsübertragung unter den Bienen und vieles mehr. Bienen sind die besten Baumeister und die technischen Eigenschaften der Waben lassen Ingenieure vor Neid erblassen: So bewirkt die sechseckige Wabenstruktur eine enorme Stabilität bei geringstem Materialeinsatz und optimalem Volumsinhalt: In einer Wabe aus 20 Gramm Wachs kann ein Kilo Honig gelagert werden. Aber nicht nur die Statiker ziehen den Hut, auch die Werkstofftechniker müssen neidlos eingestehen, dass sie einen Werkstoff mit solchen Eigenschaften noch nicht entwickelt haben: Bei 35°C, das ist die Temperatur, die im Brutnest der Bienen herrscht, ist das Bienenwachs sehr gut Wärme leitend und die von den Heizerbienen produzierte Wärme kann sich gut zwischen den Brutzellen ausbreiten. Liegt die Temperatur aber auch nur ein paar Grad darüber oder darunter, leitet das Wachs die Wärme sehr schlecht und wirkt somit isolierend, was Schutz vor dem Auskühlen oder einem Überhitzen bietet.

Text: Roland Berger

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