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Von Bienen für den Frieden lernen

15. Mai 2024

Ein kurzer Text, den ich anlässlich des Friedens Symposium an der GEA-Akademie, Pfingsten 2024 geschrieben hab.

Im alten Indien galt Honig als in Materie verwandelte Liebe, und eine wichtige Gottheit war Madhukara – was wörtlich übersetzt heißt „der Honigmacher“. Er ist der Gott, der den Menschen die Liebe bringt. Wie kommt das: Honig als materialisierte Liebe? Und sind Bienen dann die Liebesboten?

Wir dürfen davon ausgehen, dass unsere Altvorderen, auch die in Indien, sich noch nicht so getrennt von der sie umgebenden Mitwelt empfunden haben und sie waren mit Sicherheit gute Beobachter der sie allerorts umgebenden Natur. Da fiel ihnen auf, dass sich im Zusammenwirken von Blütenpflanzen und Honigbienen Großartiges ereignet:

Die Blüte produziert aus freien Stücken, mit Hilfe der alles fördernden Sonne, Nektar und Blütenstaub und sie ruft den Bienen zu: „Kommt her, das ist alles Geschenk für euch, bedient euch, es ist so reichlich da!“. Und sie weisen mit ihrem Duft und ihrer Schönheit den Bienen den Weg. Die wiederum folgen liebend gerne diesem Ruf, schaukeln von Blüte zu Blüte und nehmen die Geschenke in Empfang. Sie tanken den süßen Saft und schnüren sich Pakete mit wertvollem Blütenpollen an ihre Hinterbeine. Dabei geschieht es, dass sie in ihrem Eifer beim Nektarsaugen und hingebungsvollen Herumwuseln in der Blüte, kleinste Mengen von Blütenstaub verlieren und diesen somit von Blüte zu Blüte transportieren. 

Damit wiederum machen sie den Pflanzen das größte Geschenk, das nur denkbar ist, indem sie ihnen ermöglichen, ihre Bestimmung zu erfüllen: denn durch den zugetragenen Blütenstaub kommt es in jeder Blüte zur Befruchtung und so kann sich aus der Blüte eine Frucht entwickeln. Darin reifen dann die neuen Samen heran, die später zu neuen jungen Pflänzchen auskeimen und so den Lebensfaden immer fort spinnen werden.

Indem wir uns füreinander öffnen und das Beste von uns geben, beschenken wir uns gegenseitig und gehen beide reicher aus dieser Begegnung hervor. Kann es ein schöneres Bild für Liebe geben?

Wie anders gestaltet sich heute auf weiter Strecke die Beziehung von uns Menschen zum Leben und zu unserer Mitwelt! Sie ist geprägt von Kriegsmentalität: Wir setzen auf Ausbeutung der natürlichen Ressourcen und auf Wachstum auf Kosten unserer heutigen und zukünftigen Mitgeschöpfe. Wir führen einen Kampf gegen den Klimawandel, gegen Krebs und andere Zivilisationskrankheiten und ringen in der Wissenschaft der Natur ihre Geheimnisse ab.

Setzen wir uns im Frühling in aller Ruhe zu einem Bienenstock und lassen uns einhüllen in das vibrierende Summen der ein- und ausfliegenden Bienen. Stellen wir uns vor, wie die Flugbahn jeder einzelnen Bienen mit einem dünnen goldenen Faden sichtbar, und damit die gesamte Landschaft von einem zarten Gewebe überzogen wird, einem feinen goldenen Vlies, das der Natur neues Leben bringt. Dann machen die Bienen uns das Geschenk, dass es in uns ruhig wird und dass wir plötzlich die Gewissheit verspüren, dass „die schönere Welt, die unser Herz kennt, möglich ist“, wie es Charles Eisenstein so schön sagt. Eine Welt, in der wir von einer Gesellschaft der Herrschaft zu einer der Teilhabe übergehen, von der Unterwerfung zur gemeinsamen schöpferischen Tätigkeit, von der Ausbeutung zur Regeneration, von der Schädigung zur Heilung und von der Vereinzelung zur Liebe.

Text: Roland Berger

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